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Als man sich auf Weihnachten noch freuen konnte (1)

Von Konrad Windisch

Als man sich auf Weihnachten noch freuen konnte – das war in der Kindheit. Aber sicher freuen sich die Kinder heute genauso. Wenn die Eltern Zeit für sie haben und falls sie überhaupt noch Eltern haben und nicht vermögenswerteschaffende Sorgepflichtige. Es kann ein Irrtum sein – aber ich empfinde, man konnte sich früher mehr auf Weihnachten freuen. Ganz einfach, weil man Zeit dazu hatte.

Irgend etwas stimmt da nicht. „Früher“ – wann war denn das? Es war vor dem Ausbruch des totalen Wohlstandes. Und gerade damals hatten die Menschen doch sicher weniger Freizeit und sicher weniger Geld. Eines der Rätsel, die weder durch Meinungsforschung noch durch soziologische Untersuchungen zu lösen sind. Und die man lösen sollte, um einer Spur menschlichen Glücks auf die Spur zu kommen. Denn früher, da hatten die Menschen weniger Freizeit, weniger Geld und mehr Zeit für die Freude. Nicht alle, nein. Aber mehr als heute. Glaube ich. Wie kommt das?

Ich möchte mich erinnern, wie das in meiner Kindheit war, und da muß ich ein paar persönliche Bemerkungen anbringen. Diese Kindheit war in den Jahren vor und während des letzten Krieges. Meine Mutter war tot, ehe ich ihren Namen sagen konnte und die Verwandten, bei denen ich lebte, arm. Sie lebten nicht im Elend, aber sie waren arm. Für heutige Begriffe bitter arm. Die Wohnung in der Vorstadt war klein und alt. Das Äußerliche also war so, daß Kinder heute nicht glücklich wären, weil die Erwachsenen verzweifelt wären.

Aber für mich, damals, waren es wunderschöne Wochen, diese Wochen vor Weihnachten.

*

Eine Tante vertrat Mutterstelle. Täglich arbeitete sie bis sechs Uhr abends und am Samstag bis zwei Uhr nachmittags. Wenn ich sie in der Weihnachtszeit von der Fabrik abholte, hatten die meisten Geschäfte schon geschlossen. Aber die Auslagen waren hell beleuchtet, und es gab viele Auslagen zwischen der Fabrik und der Wohnung. Jeden Tag durfte ich mir ein Christbaumstück aussuchen und kaufen, jeden Tag eines. Da gab es viel zu überlegen, zu gustieren und sich zu freuen. Wenn ich daran denke, wie man jetzt, so zwischendurch seine Striche macht, wenn die Weihnachtsbaumbehangaktions-Liste herumgereicht wird. – Dort ein Kilo, von dem zwei Schachteln und dann noch drei Bonbonnieren zum „unter den Baum stellen“. Während des Krieges gab es nur einen künstlichen Christbaum. Die Freude darüber war nicht übermäßig, und niemandem möchte man ein solches Gestell wünschen. Aber vorher wurde der Baum nicht – wie jetzt – nach mehr oder weniger dekorativen Gesichtspunkten ausgesucht. Er wurde gesucht! Tagelang wurde besichtigt, überlegt, die Kosten erörtert. Ich weiß nicht, wo die Zeit dazu herkam, aber die Zeit für die Freude war eben da. Und war er gefunden – der beste aller möglichen und erschwinglichen –, wurde er heimgeholt und vor der Wohnung am eisernen Gang angebunden. Bis zur Abholung durch dafür bestimmte Engel.

O ja, ich weiß schon. Ich höre die Einwände: „Fauler Zauber. Verdummung. Zeitverschwendung. Ein großer schöner Baum wäre besser gewesen.“ Vielleicht – nur, wer hätte denn einen solchen Baum, wie er jetzt im Zimmer steht, transportieren können? Jedenfalls habe ich mich über jeden Baum gefreut, und an viele kann ich mich noch heute erinnern, und um einige habe ich gekämpft, bis zum 2. Feber und bis zum letzten Christbaumstück. Es war etwas Lebendes, von dem man nicht Abschied nehmen wollte. Es war eine Freude.

*

Ja, das weiß ich auch: Freude ist etwas, das man weder angreifen noch schätzen, weder produzieren noch kaufen kann. So gesehen müßte es doch etwas Sinnloses sein. Ist es aber nicht für den, der Freude kennengelernt hat. Sei’s drum, für den, dem das Wort Freude nicht real genug ist – lassen Sie mich „nostalgisch“ sein, lassen Sie mich von den Weihnachten erzählen, auf die ich mich noch richtig freuen konnte.

Es war etwas Schummriges, Unheimlich-Heimliches um das Innere der Kirchen um diese Zeit. Wo der Platz schon hergerichtet wurde für die Krippe, wo der Adventkranz duftete und einzelne Kerzen brannten. Straßenbeleuchtungen waren unbekannt, und in der Vorstadt gab es sogar noch Gaslaternen. Es war stiller, und das lag natürlich an dem geringeren Verkehr. Auch Radioapparate gab es noch wenige, und wir hatten noch keinen. Aber die Stimmung war – für mich zumindest – weihnachtlicher als jetzt, wo Weihnachten nur Weihnachten ist, wenn auch Waggerl draufsteht!

Vielleicht hat die Weihnachtswerbung Schuld, daß die Weihnachtsgeschenke größer und die Weihnachtsfreude kleiner geworden ist. Schon deshalb, weil sie jetzt Ende Oktober und demnächst schon Mitte August beginnt. Vielleicht nimmt man auch aus diesem Grund am Weihnachtsabend gar nicht so ungern eine Fernsehshow in Kauf, hat man doch schon wochenlang vorher Tannenreisig, beleuchtete Christbäume, strahlende Kinderaugen und Schneeflocken gesehen bzw. die Stimme des Weihnachtsmannes und diverse Glöckchen bimmeln gehört. Und wochenlang die gleichen Lieder in allen Kaufhäusern, in vielen Geschäften, immer die gleichen Lieder. Und wo sie nicht tönen, stehen die Schallplatten in Wühlkörben. So wird Stimmung nicht erzeugt, sondern getötet.

*

Wir sangen die Weihnachtslieder abends, um den Tisch, und eine Kerze brannte. Und einige Lieder gab es, die durfte man nicht anstimmen: „Dieses erst am Heiligen Abend.“ Sicher kommt es davon, daß mir bei einigen dieser Lieder unverschämterweise auch heute noch die Tränen kommen. Und auch die Wut, wenn ich sie abgeleiert in Kaufhäusern höre. Ob es die Kinder heute glücklich macht? Natürlich freuen sie sich auf den „brennenden Christbaum” zu Hause. Natürlich. Aber ob nicht das eine oder das andere dabei denkt: „No, der Christbaum vorne an der Ecke bei der Schule ist aber schon größer!”

Nichts gegen die Werbung. Wer wirtschaftlich denkt, wird sie begrüßen, und wer kann es sich heute erlauben, nicht wirtschaftlich zu denken? Ohne Werbung kein Umsatz, ohne Umsatz kein Wohlstand. Richtig. Aber nun reden wir ja von der Freude. Vielleicht sollte man die Weihnachtswerbung zeitlich beschränken – man tut’s ja auch bei Wahlkämpfen. Als ich Kind war, wußte ich, daß der „Krampus kommt“, wenn die Auslagen rot dekoriert waren. Und daß nachher bald das „Christkind“ kommt. Und freute mich darauf. Nicht nur die Kinder freuten sich – es war ein gemeinsames Freuen und nicht einmal etwas Religiöses.

Es war die Freude auf die Freude.