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Als man sich auf Weihnachten noch freuen konnte (2)

Von Konrad Windisch

Eines der seltsamsten Produkte sind jene Schokolade-Weihnachtsmänner, die anschließend (oder vorher) Osterhasen werden (oder waren). Nur das Stanniol verändert sich. Ein typisches Produkt finde ich und sicher zweckmäßig, praktisch und kostensparend. Nur – welches Kind freut sich über einen Weihnachtsmann, der sich beim Auspacken als Osterhase entpuppt? Oder welches Kind bemerkt das nicht eines Tages? Kinder sind nicht dumm. Sehr oft sind sie klüger und oft auch gescheiter als Erwachsene.

Wie war das? Am Morgen wieder ein Fenster des Adventkalenders öffnen, wieder ein Tag näher! Einkaufen mitgehen und die Neuigkeiten in den Schachteln bewundern oder durch den grauen Morgen zur Schule stolpern, verschlafen, die Wärme in der Klasse spüren und den Schulweg nicht mehr so schrecklich finden, wo doch jeder Tag, jeder vergangene Tag wieder ein Tag näher ist. Nachmittags das frühe Dämmern vor den Fenstern sehen, darauf warten, bis man mitgenommen wird durch die Straßen, vorbei an den Auslagen hinaus zum Stadtrand. Dort, wo der Park liegt und dahinter die Allee und dann schon der Wald. Von wo die Freude herkommen wird, die ganz große. Oder beim Ofen sitzen und jemand liest vor. Märchen, Geschichten. Oder zuhören, wie die Großen von ihren Weihnachten erzählen, die weit zurückliegen, so weit, daß es gar nicht mehr vorstellbar ist. Mit offenen Ohren und Augen zuhören, wie die Älteren miteinander reden, wie sie von damals reden.

Das gab’s. Ich weiß, es klingt wie ein Märchen. Nein? Das gibt’s doch jetzt auch? Ja, natürlich – nur – ehrlich sein! – wie ist das denn bei Ihnen? Wie oft sitzen Sie denn mit Ihren Kindern, Ihren Enkeln vor der Zentralheizung und lesen ihnen Märchen vor oder erzählen ihnen von den Weihnachten, die einmal waren? Wie oft gehen Sie denn allein oder mit Freunden oder mit Kindern langsam durch die Straßen, am dunklen Park vorbei zum Rand des Waldes, wo die große Freude herkommt? Ohne „unterwegs noch schnell etwas zu erledigen“. Ganz langsam, ohne Termin und sei es ein „Zeit-im-Bild-Termin“. Ein bißchen sentimental, ein bißchen losgelöst, angesteckt von der Freude eines anderen, die nichts mit Geschenken zu tun hat, die er sich bereits gekauft hat. Wie oft denn? Jetzt, zu Weihnachten?
Oft?
Schön. Ich glaub’s Ihnen.

*

Und so war das: Stehenbleiben und mit Entgegenkommenden, oft Fremden, plaudern. All diese dummen, alten, überholten Rituale machen wie zum Beispiel Wunschbriefe schreiben, die dann von irgendeinem Engel abgeholt werden. Oder mit ein paar Schilling in der Tasche ein Weihnachtsgeschenk für die Freundin auswählen, später dann, als die Kindheit vorbei war. Das Geschenk auswählen. Nach vielen Gesichtspunkten, nicht nur – aber natürlich auch – nach der vorhandenen Barschaft. Die Sorgen der Erwachsenen mitspüren, wenn auch nicht mitwissen und glücklich sein, wenn plötzlich Freude da war.

Ich denke oft daran, wenn ich jetzt mit einem Zettel durch die Straßen fahre, um zwischendurch noch ein paar Geschenke zu erledigen, vorgeschriebene, gewünschte, notwendige. Abgehakt, erledigt. „Bitte gleich festlich einpacken?“ „Ja, bitte. “ „Du armes Schwein“, denke ich. Ich denke auch oft daran, wenn mir junge Leute erzählen, sie würden sich einmal „richtige Weihnachten leisten“. Ich denke daran, daß ich großartige Erwachsene um mich gehabt haben muß. Denn ich denke noch oft und voll Sehnsucht an diese Weihnachtszeit.

*

Der Heilige Abend. Die Freude begann mit dem Erwachen, denn alle waren zu Hause. Die Großmutter und die Tante und der Onkel. Vater kam später, der hatte noch mit dem Christkind zu sprechen. Und wieder hatten alle Zeit – das ist es nämlich! Der Weihnachtsspaziergang – je nach Wetter lang oder kurz und besonders lang bei Schnee. Einmal, da fand ich im Park auf einem Zweig einen Faden Lametta. Den hatte ein Engel verloren! Zu Mittag gab es nur eine Suppe, aber niemand rannte herum und kochte, reinigte, räumte weg. Es war alles ruhig und die Tür zum Zimmer verschlossen. Und alles saß um den Tisch, es war warm – und die Freude war im Raum.

Sicher – bei vielen, vielen Kindern wird es heute genauso sein. Sicher – alles ist verklärt in der Kindheit. Und doch – es gibt Unterschiede. Zum Beispiel: das wichtigste Gespräch am ersten Schultag nach Weihnachten war natürlich „Was hat dir das Christkindl gebracht?”, oder später „Was hast du bekommen?” Aber nie sagte der eine zum anderen am letzten Schultag vor Weihnachten: „Ich bekomme zu Weihnachten …“ Nie. Hören Sie doch Ihren Kindern zu. Viele wissen alles. Zu viele.

*

Es ist etwas Gutes um das Wissen und etwas Schönes um das Glaubenkönnen. Meine Großmutter war fromm, eigenartig fromm fand ich, als ich selbst nicht mehr fromm war. Sie teilte ihre paar Groschen, die sie erübrigen konnte, auf die Sammelbüchsen der verschiedenen Heiligen in der Kirche auf. Fünf Groschen für den Hl. Antonius und zehn Groschen für die Hl. Elisabeth und so weiter. Manchmal bekam auch der Hl. Thaddäus etwas, nicht zu oft, denn der war der Namenspatron der Kirche und bekam sowieso viel. Zu Weihnachten bekam der Hl. Josef immer am meisten, weil er die meisten Sorgen um diese Zeit hatte. Mit der Familie und so.

Aber ja, lachen Sie nur. Es ist ja auch lächerlich, wir lachten alle. Nur – wie meine Großmutter ihre paar Groschen bei der Statue des Hl. Josef in den Blechtopf warf und warum sie es zu Weihnachten tat – ich finde es ganz großartig. Ich liebe sie heute noch und nicht nur deswegen.

In meiner Kindheit gab es eigentlich nur einmal „reiche Weihnachten“, das heißt solche mit vielen Geschenken. Das war in dem Jahr, als mein Vater nicht mehr arbeitslos und noch nicht im Krieg war. Es gab nur ein solches Fest und einen besonders schönen Baum und eine Tafel und eine Burg und einen kleinen Schreibtisch und eine Trommel und eine aufziehbare Eisenbahn und einen Karpfen. Unglaublich viele Geschenke gab es da, viel mehr als zu den Weihnachten vorher oder nachher. Aber alle Weihnachten meiner Kindheit waren reich. Tief innen reich.