Bild: Christtagsmorgen/F.G. Waldmüller

Als man sich auf Weihnachten noch freuen konnte (3)

Ich kann mich noch an viele Geschenke von diesem Weihnachtsabend erinnern, weil es so außergewöhnlich viele waren. Sonst sind mir Geschenke kaum in Erinnerung. Aber noch immer ist die Wärme dieser Tage in mir. Selbst in den Tagen, wo wir durch verdunkelte Straßen gingen und auf Sirenen hörten. Selbst in den Jahren nach dem Krieg, wo es nichts gab. Absolut nichts. In meinem Leben waren Menschen, mit denen man reden konnte, die zuhörten, die erzählten. Wo es Wärme und Liebe gab. Menschen eben.

Soll ich Ihnen sagen, wie Ihre Vorweihnachtszeit aussieht? Ihre und Ihre? Ein Seufzen am Anfang „Ach Gott, in drei Wochen ist schon Weihnachten“ ein Seufzen am Ende „Teufel noch mal, das fehlt auch noch!” und zwischendurch Überstunden, Betriebsweihnachtsfeiern, Geschenklisten, Einkäufe, Besorgungen, Anrufe, Hektik, Nervosität und noch etwas kaufen müssen. Und zwischendurch noch eine Weihnachtsfeier. Und noch etwas zu erledigen.

Und am Heiligen Abend – noch früher aufstehen, um noch alles hinzukriegen, und bitte dich, kannst du die Kinder nehmen, ich schaff’s sonst nicht. Dann die Bescherung, fünfzehn Minuten, dreißig maximal. Und dann schnell wegräumen, Tisch decken, schnell, schnell. Schmeckt’s? Vielen, vielen Dank für alles! Wegräumen, damit alles wieder in Ordnung ist. War das ein Tag! Und morgen der Besuch!
Ist es nicht so?
Oder die Flucht vor all diesen Dingen in ein anonymes Hotel, weit weg von dem Trubel.
Weit weg von der Freude.

Ich wünsche Ihnen ein paar Stunden Stille in dieser Zeit. Und das muß doch gar nicht in einem verzauberten Winterwald sein mit Rehlein und Sternlein. Und auch nach Lebkuchen muß das Ganze nicht duften. Es müssen gar keine gewaltromantischen Stunden sein. Schauen Sie den anderen zu, wie sie rennen. Reden Sie mit Freunden, zum Beispiel über Weihnachten ihrer Kindheit. Strecken Sie die Beine aus unter dem Tisch, einen ganzen Abend lang oder zwei oder drei.

Gehen Sie durch die Straßen, nach Geschäftsschluß, ganz langsam. Auch durch Nebengassen ohne Weihnachtsbeleuchtung. Oder wirklich in den Wald. Es gibt ihn auch bei der Stadt.
Wer hat schon für so etwas Zeit?
Jeder, der es will.

Machen Sie es natürlich nicht so. Denn es geht ja nicht um die Schablone, sondern um die Freude. Ich gehe zum Beispiel an einem Tag vor Weihnachten zu den Gräbern jener Menschen, die mir so wunderbare Weihnachten geschenkt haben und danke ihnen dafür. Hoffentlich konnte ich etwas von dieser unverkrampften Freude auch meinen Kindern weitergeben. Und diese eines Tages auch den ihren. Hoffentlich.

*

Was habe ich eigentlich bekommen, früher, damals, in dieser Zeit? Ich persönlich – denn Ratschläge sind etwas Fragwürdiges und oft nahe der Schulmeisterei. Was ich in dieser Zeit bekam? In den Weihnachtstagen meiner Kindheit? Wo alle so arm waren und wenig Freizeit hatten? ZEIT! Zeit füreinander. Und offene Augen und Wünsche, die man sich nicht unbedingt auf Raten kaufen muß.
UND FREUDE.