Bild: Dr. Herbert Fritz (privat).

Wieviel Sprengkraft hat die Kurdenfrage für Europa? (2)

Droht Europa eine neue Flüchtlingswelle, wenn der Krieg der Türkei gegen die Kurden in Syrien und im eigenen Land weiter eskaliert? Unser Interviewpartner Dr. Herbert Fritz kennt die Kurdengebiete auch von zahlreichen spektakulären Reisen, die ihn z.B. 1983 mit Hilfe einer Gruppe kurdischer Peschmerga in das Kampfgebiet des irakisch-iranischen Krieges geführt hat (Bild oben).

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EUROPAS DÄMME BERSTEN:  Der türkische Präsident Erdogan verlangt von der EU Visafreiheit für alle Türken. Es wurde bereits gemutmaßt, dass die Türkei so großen Druck auf die Kurden im eigenen Land ausüben könnte, um sie gezielt aus dem Land zu vertreiben – in Richtung in Europa. Für wie wahrscheinlich halten Sie diese Überlegung?

Dr. Herbert Fritz: Ich glaube nicht, dass Erdogan  Pläne dieser Art verfolgt, da es auch unter den Kurden, wie bei allen anderen Völkern, unterschiedliche politische Meinungen gibt. Erdogan ?ist zu sehr Islamist, als dass er konservative, strenggläubige Menschen, auch wenn sie Kurden sind, ausweisen würde. Angehörige der PKK würde er dagegen nicht ausreisen lassen. Sie würde er lieber im Gefängnis sehen.

Unser Interviewpartner Dr. Herbert Fritz zu Besuch beim Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak (2012).

„Jeder Krieg produziert Flüchtlinge“

Sollte es zu einer völligen Eskalation in der Kurdistan-Frage kommen und die Türkei gegen die Kurden in Syrien und im eigenen Land Krieg führen – was wären die Auswirkungen für Europa?

Jeder Krieg produziert Flüchtlinge. Der eine mehr, der andere weniger. Da die Kurden aber seit Jahrzehnten, von kurzen Unterbrechungen abgesehen, militärische Auseinandersetzungen gewöhnt sind, dürfte kein allzu großer Flüchtlingsstrom zu erwarten sein.

Bundesrepublik unterstützt türkischen Unterdrückerstaat

In den letzten Wochen kam es bereits zu einer Serie von Anschlägen auf türkische Einrichtungen in der BRD, hinter denen Kurden vermutet werden. Wieviel Sprengkraft hätte der Kurdenkonflikt, wenn er von Kurdistan nach Europa verlagert werden würde, wo es alleine in Mitteleuropa geschätzt über eine Million Kurden gibt?

Die Tragödie der Kurden besteht darin, dass sie über keine Schutzmacht verfügen. Kein Staat setzt sich für sie ein und speziell die Bundesrepublik unterstützt auf penetrante und widerwärtige Art und Weise den türkischen Unterdrückerstaat. So wurden deutsche Panzer noch nach dem türkischen Angriff auf Afrin noch den Türken geliefert.

Auch wenn es stimmen sollte – was noch keineswegs bewiesen ist -, dass Kurden Anschläge auf türkische Einrichtungen in der BRD verübt haben, so ist das eine Verletzung des Gastrechtes und selbstverständlich abzulehnen. Aber unverständlich ist es nicht!