Vom Sinn des Lebens und vom Sinn des Sterbens Teil 2

Wie alle Schriften, so dient auch diese als Anregung sich selbst mit den Werken Mathilde Ludendorffs zu beschäftigen.

Vom Sinn des Lebens und vom Sinn des Sterbens

TEIL 2

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Woher kommt diese oft gegensätzliche Unterschiedlichkeit zwischen den Menschen?

Betrachten wir, um dies zu begreifen, den Menschen – also uns selbst – etwas näher. In jedem gesunden Menschen – mag er nun Mann oder Frau sein – steckt ein Streben, etwas zu leisten und etwas zu sein. Die heute manchmal zu beobachtende Erscheinung, daß Menschen faulenzend und gammelnd am Wege liegen, ist wohl nur eines der Zeichen dafür, daß in unserer heutigen Welt so vieles „ungesund“ ist. Aber ich sagte, wer noch gesund empfindet, hat Freude an der Leistung, fühlt sich wohl in dem Bewußtsein, etwas geschaffen zu haben. Schon das kleine Kind freut sich über das Bauwerk, das es mit den Bausteinen errichtet hat. Jeder Mensch freut sich auch an dem Besitz, den er sich selbst, d.h. durch eigene Leistung erworben hat. Was ist es doch für ein erhebendes Gefühl, wenn der junge Mensch, der soeben in den Beruf eintrat, zum ersten Mal seine Lohntüte oder sein Gehalt bekommen hat als Bestätigung der geleisteten Berufsarbeit. Nun kann er sich manchen Wunsch erfüllen; denn alle wollen von der schönen Seite des Lebens (was dabei jeder unter der schönen Seite versteht, ist jetzt nebensächlich) einen möglichst großen Teil abhaben. Alle, alle streben nach dem großen Glück, das das Leben für sie bringen soll. Dies ist vor allem der ganz natürliche und gesunde Zustand der Jugend.

Blickt man später auf sein eigenes Leben zurück und erinnert sich dieses Strebens nach Glück, nach Erfolg, nach Besitz und überdenkt das Ganze, so muß man meist feststellen, daß alles so ganz anders gekommen ist, als der junge Mensch es sich gedacht hat. Allerdings werden wohl auch im Alter noch viele den Wert ihres Lebens mit dem gleichen Maßstab messen, den sie in ihrer Jugend angelegt haben. Sie werden feststellen, ob es ihnen gelang, Besitz und Ansehen zu erwerben, ob es ihnen gelang, im Vergleich mit den Nachbarn, mit dem eigenen Gewinn zufrieden sein zu können. Wie in ihrer Jugend, so sehen sie auch jetzt noch das Glück im Besitz, in der Berufsstellung, in der gesellschaftlichen Anerkennung. Und oft sind sie nun in Sorge, sich das Erreichte jetzt auch zu erhalten, denn wie leicht können Besitz und Geldwert verloren gehen…

Neben den Vielen, die ihren Lebensweg mit diesen Augen sehen, sind aber auch andere, die die Wünsche und Hoffnungen ihrer Jugend mit einem gütigen Lächeln sehen, denn ganz andere Dinge sind es nun, die in der Erinnerung bei der Rückschau auf den eigenen Lebensweg als wesentlich angesehen werden. Es sind ganz andere Werte, die sich nicht in Zahl und Geld ausdrücken lassen.

Da hat vielleicht einer ein ganz schweres Schicksal gehabt, da hat vielleicht eine schwere Krankheit, ein Unglücksfall, eine Kriegsverletzung all seine Träume, all seine Pläne für die Zukunft jäh zerstört. Da ist er vielleicht durch eine Zeit gegangen, wo er mit seinem Schicksal gehadert hat, wo er unglücklich war, weil andere ihn im Fortkommen überflügelten, aber dann hat er doch die Kraft gewonnen, zu seinem Schicksal „ja“ zu sagen. Er hat zwar ein bescheideneres Dasein geführt als die anderen, aber er hat auch erkannt, daß er seinem Leben einen inneren Wert gegeben hat.

Sinn des Menschenlebens

So sehen wir auch hier den großen Unterschied zwischen den Menschen. Die einen sehen den Sinn des Lebens darin, ob sie Erfolg hatten, ob sie eine gute gesellschaftliche Stellung errangen, ob sie es zu Wohlstand brachten. Die anderen sehen den Sinn des Lebens darin, ob es ihnen gelang, mit dem ihnen zugemessenen Schicksal fertigzuwerden, das Schicksal – ob es ihnen nun Glück oder auch Unglück brachte – zu meistern. Und unter diesen letzteren sind nun auch welche, die ganz klar erkennen, daß nicht Glück und Leid den Sinn des Lebens bestimmen. [Hervorhebung d.d.R.] Sie erkennen, daß der Mensch den Sinn des Lebens am besten erfüllt, der sich unabhängig macht von der Hoffnung auf Glück und von der Furcht vor dem Leid, der frei und unabhängig das Schicksal auf sich nimmt, indem er jedwedem Schicksal eine stolze Antwort gibt, indem er an jedwedem Schicksal innerlich wächst. Mit leuchtenden Augen genießt er in vollen Zügen jedes Glück, das ihn hinausträgt aus dem Alltag. Mit ernstem, klarem Blick nimmt er aber auch jedes Leid auf sich, das von ihm eine stolze Lebenshaltung fordert. So lebt er ein Leben unabhängig von Erfolg und Anerkennung durch andere. So lebt er ein Leben, das ihm allein das Bewußtsein gibt, das Schicksal – mag es nun Glück oder Unglück bringen – gemeistert und dabei sein edelstes Menschentum entfaltet zu haben. Er ist zufrieden, wenn er in seinem Leben und durch sein Schicksal die Kraft gewonnen hat, ganz er selbst zu sein! Er selbst, in seiner edelsten und besten Ausprägung. Dann steht ein solcher Mensch auf der Höhe seines Lebens vor uns als eine einzigartige, fest in sich ruhende Persönlichkeit, Achtung gebietend, frei und unabhängig von dem Urteil der anderen, einzig und allein fest in sich selber ruhend. Wie Schiller sagt:

Oh, der ist noch nicht König, der der Welt gefallen muß.
Nur der ist´s, der bei seinem Tun nach keines Menschen Beifall
braucht zu fragen.

Friedrich Schiller

Ein solcher Mensch weiß, daß jedes Schicksal – ob glück- oder leidbringend – sein Leben nur bereichern kann, so wie er weiß, daß Höhen und Tiefen einer Landschaft einen Zauber geben, so wie er weiß, daß Regen und Sonnenschein, daß Sturm und Windstille, daß Sommer und Winter das Leben in der Natur sinnvoll gestalten. Ein solcher Mensch hängt nicht an den Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, die das Leben der meisten anderen Menschen ausmachen. Er hat für das Schöne im Großen und auch im Kleinen ein offenes Auge und ein offenes Herz. Er ist offen für alle Fragen des Lebens, er ist interessiert an allem, was das Leben bereichern kann. Er hat den Wunsch, sich selbst und seine Mitmenschen wahrhaft zu erkennen, seinen und ihren moralischen Wert richtig abzuschätzen und so seine Stellung inmitten der Umwelt gerecht zu bestimmen.

Er will den Sieg des Guten und den Untergang des Gemeinen in der Welt. Er strebt danach, das Gute immer besser zu erkennen und in diesem Sinne zu leben. So ist er aufgeschlossen für das Gute, für das Schöne und das Wahre. Er liebt das Edle und haßt das Gemeine. Er lebt in stolzer Haltung, in stolzer Verantwortung für sein Tun und Lassen. In dieser Lebenshaltung erlebt er Stunden, in denen er losgelöst ist von den Dingen des Alltags, seine Stunden des Glücks. Aber auch in jenen Stunden des Leids lebt er in einem Zustand, da er die Gegenwart vergißt, da es ihm ist, als stehe er außerhalb der Zeit. Sind Stunden vergangen, sind es nur Augenblicke gewesen, da das tiefe innere Erleben ihn so ganz der Gegenwart entriß? Mancher von uns mag solches Erleben gehabt haben, ohne daß ihm dieser Zustand des völligen Losgelöstseins so bewußt geworden ist.

Hast du einen lieben Menschen durch den Tod verloren, so kann die Erinnerung [an] manche Stunde gemeinsamen Lebens ihn wieder in dir wachrufen. Aber da gibt es für manche noch eine viel innigere Weife der Verbundenheit mit dem Toten. Wenn du mit ihm im innigen seelischen Einklang gestanden hast, kannst du in mancher Stunde der Gegenwart so entrückt sein, daß nicht die Erinnerung ihn dir zurückruft, nein, daß du in seelischer Gemeinschaft mit ihm zu leben meinst – eben in jenem Zustand außerhalb der Zeit, von dem ich sprach. Solange du in dir die Kraft hast, in dieses außerhalb der Zeit, in dieses „Jenseits“ der Zeit hinüberzugleiten, kannst du mit dem Verstorbenen vereint sein.

Mathilde Ludendorff schreibt:

Solange also der Überlebende die Kraft hat, in das Jenseits hinüberzugleiten, erlebt er das Zusammensein mit dem Verstorbenen, und wahrlich in einem vollkommeneren Sinne als das Erinnern an den Toten, im Diesseits.

(Triumph des Unsterblichkeitwillens, S. 268/139)

Die Fähigkeit zu solchem Jenseitserleben erwirbt der Mensch, je mehr er in seinem Leben sich dem hingibt, was wir Gott nennen. Gott ist nicht eine Person, ist nicht ein noch so geistig gedachtes Wesen – wie wir es im Religionsunterricht unserer Kindheit gehört haben – nein, Gott ist etwas, was wir als ideellen Wert erleben. Es ist auch der Wunsch, unser Leben im Einklang mit diesem ideellen Wert zu leben und dafür zu leben, daß dieser Wert bestehen bleibe. Zwar sehen wir, wie heutzutage alles andere, alles Niedere, alles Gemeine die Herrschaft führt, aber wir sind doch davon überzeugt, daß wir dem Guten, dem Edlen, dem Göttlichen leben sollten, daß wir ihm leben wollen, in völliger Unabhängigkeit davon, ob andere dies verstehen oder nicht. In völliger Unabhängigkeit davon, ob uns eine solche Lebenshaltung Glück oder Leid beschert. Nein, wir wollen diesem Göttlichen leben, weil wir darin den tiefsten Sinn des Menschenlebens sehen, weil wir auch überzeugt sind, daß solche Lebenshaltung uns befähigt – befähigen wird – vor unserem Tode den Sinn unseres Seins zu erfüllen, daß uns befähigt, in Ruhe und Gelassenheit die Augen zu schließen, wenn die letzte Lebensstunde gekommen sein wird.

Wer das Göttliche in sich entfaltet hat, der hat auch die Kraft gewonnen, an dem Jenseits, von dem ich sprach, Anteil zu haben. Er hat Anteil gehabt, an der Zeitlosigkeit – wir können auch sagen – an der Ewigkeit. So wie der Theologe Schleiermacher es – allerdings im Gegensatz zum christlichen Glaubensdogma – ausgesprochen hat:

Mitten in der Endlichkeit eins zu werden mit dem Unendlichen und so ewig zu sein in jedem Augenblick, das ist Unsterblichkeit

(Triumph des Unsterblichkeitwillens, S. 266/137)

Ein Mensch, der in dieser Weise den Sinn seines Lebens erfüllt, erlebt die von Schiller gemeinte königliche Freiheit vom Urteil der Mitwelt, die von Schleiermacher gemeinte Ewigkeit als Unsterblichkeit. Er gewinnt in dieser Weise die Kraft, in Ruhe und Gelassenheit der Stunde zu begegnen, in der er für immer die Augen schließen wird.

Sinn des Sterbens

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Autor: Dr. W. P.

Mit freundlicher Genehmigung von „Die Deutsche Volkshochschule“